Berge,
die seit Jahrhunderten
Geschichten
erzählen.
Jedes Jahr am Abend des 21. Juni wiederholt sich in den österreichischen Alpen ein uraltes und zugleich bezauberndes Schauspiel. Während Europa den Sommerbeginn mit Lagerfeuern oder Open-Air-Konzerten feiert, pflegen die Tirolerinnen und Tiroler eine jahrhundertealte Tradition: die Sonnwendfeuer. In der stillen Dunkelheit der Gipfel leuchten bei Einbruch der Nacht Dutzende Feuer gleichzeitig auf und zeichnen Kreuze, Sonnen oder alte Symbole an die Berghänge.

Eine Tradition aus Licht, die der Zeit trotzt
Es ist eine fast unwirkliche Szene. Vom Tal aus scheint der Berg zu atmen, zu leben, in einem Licht zu vibrieren, das mit einem einfachen Freudenfeuer nichts gemein hat. An diesem Abend erzählt jede Flamme eine Geschichte, jede weitergereichte Fackel wird zu einem Akt der Erinnerung. Ich hatte dieses Jahr die Gelegenheit, mit Freiwilligen aus Hall in Tirol an diesem Ritual teilzunehmen. Was ich dort oben erlebt habe, beim Aufstieg über den steilen Hang mit meinem Holzsack und meiner Stirnlampe, übertraf alles, was ich mir hätte vorstellen können.

Der Berg entflammt in der Stille
Es ist Mitternacht. Auf den Graten des Karwendels weht ein sanfter Wind, ohne die Wärme der eben entzündeten Feuer davonzutragen. Um mich herum bewegen sich Silhouetten in Stille, konzentriert, fast andächtig. Jede und jeder weiss, wo das Bündel hingehört und wann gezündet wird, damit das Motiv genau wie geplant zum Leben erwacht. Das ist kein improvisiertes Festfeuer: Hier ist jedes Detail abgestimmt.
Die Feuergruppen, wie sie hier heissen, üben manchmal wochenlang und zeichnen die Formen, die an den Hängen aufleuchten sollen, auf Millimeterpapier vor. Heute Abend wird es ein 40 Meter hohes Kreuz über dem Dorf sein, begleitet von zwei ineinander verschlungenen Kreisen, Symbol für Verbundenheit und Weitergabe. Sobald das erste Feuer brennt, geht ein Schauer durch den Berg. Eines nach dem anderen erwachen die übrigen. Mit den steigenden Flammen entsteht ein leuchtendes Bild, das im ganzen Tal zu sehen ist. Es ist schön. Es ist stark. Und vor allem steckt Sinn darin.

Die Ursprünge der heiligen Flammen
Die Tradition reicht weit in die vorchristliche Zeit zurück. Das Sonnwendfeuer war ursprünglich ein heidnischer Brauch, der die Fruchtbarkeit und die Kraft der Sonne feierte und böse Geister vertreiben sollte. Die Menschen in den Alpen lebten eng mit der Natur und wussten, dass die Jahreszeiten über das Überleben entschieden. Das Feuer hatte damals eine doppelte Rolle: eine spirituelle, zum Schutz der Ernte, und eine soziale, weil es die Gemeinschaft zusammenbrachte.
Später, im Mittelalter, versuchte die Kirche, diese Bräuche zu übernehmen, und verband sie mit Johannes dem Täufer – doch die ursprüngliche Form blieb erhalten. In vielen Tiroler Dörfern erinnern sich die Älteren noch an die grossen Feuer auf den Anhöhen, die von einem Hang zum anderen sichtbar waren. Diese gemeinsame Erinnerung ist bis heute lebendig, ja sie ist sogar stärker geworden. «Als ich klein war, sagte mein Grossvater: Dieses Feuer ist das Herz unseres Berges», erzählt mir Thomas Achleitner, 42 Jahre alt, Zimmermann und seit 18 Jahren dabei. «Solange wir es wieder anzünden, sind wir nicht tot.»
Als ich klein war, sagte mein Grossvater: Dieses Feuer ist das Herz unseres Berges.
Thomas Achleitner, seit 18 Jahren Freiwilliger

Pertisau: ein Stern aus Holz und Erinnerung
In Pertisau, nicht weit vom Achensee, gleichen die Vorbereitungen für das Sonnwendfeuer fast einem gemeinsamen Kunstwerk. Das örtliche Komitee aus rund zwanzig Personen beginnt schon Anfang Juni, das Holz auf die Höhen zu bringen. Dort oben, auf über 1600 Metern, zeichnen sie die Formen mit Kreide vor. Dieses Jahr wird es ein sechszackiger Stern in einem Kreis sein, ein Motiv nach keltischem Vorbild. Dafür braucht es mehr als 800 Fackeln, auf den Zentimeter genau ausgerichtet.
«Wir machen das für unsere Alten, aber auch für die Kinder, die vom Dorf aus zuschauen. Damit sie wissen, woher sie kommen», erklärt mir Georg Baumgartner, Lehrer und Präsident des Komitees. Unten im Dorf verkaufen die Kinder Krapfen, um die Fackeln für das nächste Jahr zu finanzieren. Alle machen mit. Niemand schaut aufs Handy. Es ist ein Moment ausserhalb der Zeit, in dem das Digitale dem Wesentlichen weicht: gemeinsam etwas tun, weitergeben, ein Licht anzünden für die, die nicht mehr da sind.

Bedrohungen von oben und durch Vorschriften
Doch hinter diesem Zauber lasten sehr reale Bedrohungen auf der Tradition. Der Klimawandel macht die Sommer trockener, die Brandgefahr grösser und die behördlichen Auflagen strenger. Letzten Sommer mussten mehrere Dörfer ihr Feuer absagen, nachdem die regionale Feuerwehr eine Gefahrenwarnung ausgesprochen hatte. «Das ist immer eine schwierige Entscheidung», sagt mir Lukas Pöll, Kommandant der Einsatzkräfte in Innsbruck. «Wir verstehen die Verbundenheit mit der Tradition, aber die Sicherheit geht vor. Ein einziger Funke kann in 30 Minuten einen ganzen Hang verwüsten.»
Neben dem Klima ist da auch die Müdigkeit der Organisatoren, die mit immer aufwendigeren Verfahren zu kämpfen haben: Meldungen bei den Behörden, Sicherheitsblätter, GPS-Erfassung der Feuerstellen, Haftpflichtversicherung. Manche verlieren den Mut. Andere dagegen geben erst recht alles. In Neustift zum Beispiel wurde eine neue, umweltfreundliche Fackel aus Pflanzenwachs entwickelt. Sie ist weniger riskant und nachhaltiger und hält die Flamme am Leben, ohne die Umwelt zu gefährden.

Eine Flamme, die Generationen verbindet
Jenseits von Zahlen und Vorschriften beeindruckt am Sonnwendfeuer vor allem eines: Es bringt Menschen zusammen. In Axams habe ich am Abend des 21. Juni eine ganze Familie gesehen, die zwei Stunden lang aufstieg, um einen einzigen Lichtpunkt zu entzünden. Der Vater trug das Holz, die Mutter hielt die Karte mit den Koordinaten, und die zwölfjährige Tochter trug die Fackel. «Sie ist leichter als ich, aber sie leuchtet heller», lächelt der Vater.
Das ist kein anonymes Feuer. Kein Spektakel. Es ist eine Kette einfacher Gesten, ausgetauschter Blicke und einer Erinnerung, die mit Händen und Füssen weitergegeben wird. Dort oben spricht niemand laut. Alle wissen, was zu tun ist. Und wenn die Form endlich in der Nacht aufleuchtet, kehrt eine Art Frieden ein. Niemand applaudiert. Die Stille ist die einzige Ehrerbietung an den Berg, an jene, die ihn vorher bestiegen haben, und an jene, die nicht mehr da sind. Beim Abstieg sind die Gesichter ruhig. Gezeichnet, gewiss. Aber erfüllt.
Das Feuer als sanfter Widerstand
Für viele reicht diese Tradition weit über den Ort hinaus. Sie wird zur Botschaft. In einer Welt, die schnell lebt, schnell vergisst und pausenlos konsumiert, erinnert das Sonnwendfeuer daran, dass es noch Taten gibt, die nichts kosten und doch Sinn stiften. Dort oben gibt es nichts zu verkaufen, kein Ticket, keine Werbung. Nur Frauen und Männer, die steile Pfade hinaufsteigen, um für eine Nacht etwas zu entzünden, das grösser ist als sie selbst.
In manchen Dörfern werden Gäste inzwischen eingeladen, das Feuer von Hütten aus zu beobachten – immer mit Respekt vor dem Ort. «Wir wollen nicht, dass daraus ein folkloristisches Feuerwerk wird», betont Markus Hofer vom Tiroler Tourismusverband. «Dieses Feuer ist unsere Seele. Keine Attraktion.» Und genau darin liegt die Kraft dieser Tradition: Sie lebt nicht, weil sie sich rechnet, sondern weil sie echt ist. Authentisch. Weitergegeben. Unverfälscht. Und solange am 21. Juni ein Feuer auf den Gipfeln leuchtet, wird Tirol sein Licht nie verlieren.
Bildnachweis
- Titelbild: © Tourismusverband Tiroler Zugspitz Arena
- Kapitel 1 (Eine Tradition aus Licht, die der Zeit trotzt): Coronium, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 2 (Der Berg entflammt in der Stille): Coronium, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 3 (Die Ursprünge der heiligen Flammen): Lila-Tirol, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 4 (Pertisau: ein Stern aus Holz und Erinnerung): Christian Namesnik, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 5 (Bedrohungen von oben und durch Vorschriften): Bundesheer Fotos, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 6 (Eine Flamme, die Generationen verbindet): Krisenmanager Bayern, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
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