Die Geburt Tirols: Von der Burg zum Land
Das Alpen-Journal Tiroler Geschichte

Die Geburt Tirols
Von der Burg zum Land

Bevor Tirol ein Land war, war es eine Burg hoch über Meran. Von den ersten Grafen von Tirol über Meinhard II. bis zu Margarethe, die das Land 1363 den Habsburgern übertrug: die Geschichte, wie eine alpine Identität entstand.

H Herbert – MyAlpine.Shop17.10.2026

Eine Burg, ein Adler, ein Land

Auf einem Rebhang hoch über Meran und dem weiten Etschtal thront eine Burg, die man nur zu Fuss erreicht. Sie heisst Tirol. Nicht „Burg von Tirol“, sondern einfach Tirol. Von ihr übernahmen die Grafen, die hier sassen, ihren Namen, und nach ihnen ein ganzes Gebirgsland, das sich heute zu beiden Seiten des Brenners erstreckt. Nur wenige Regionen Europas können auf das Gebäude zeigen, in dem ihr Name geboren wurde.

Romanisches Tympanon am Kapellenportal von Schloss Tirol: Josef von Arimathäa und Nikodemus nehmen Christus vom Kreuz.

Eine Burg, die einem Land den Namen gab

Das Landesmuseum, das heute in der Burg untergebracht ist, datiert eine erste Anlage um 1100. Um 1140 tauchen die Herren des Ortes in den Quellen als Grafen „von Tirol“ auf: ein Albert und ein Berthold. Sie übten im Vinschgau Grafenrechte als Lehen der Bischöfe von Trient aus und waren zugleich deren Vögte, also weltliche Schutzherren. Das Wort selbst gilt meist als vorrömisch; keine Deutung seiner Bedeutung hat sich allgemein durchgesetzt.

Die Burg hat viel erlitten, vom Grossbrand um 1300 bis zu ganzen Teilen, die in den Graben stürzten. Ihre romanischen Schätze aber sind geblieben: die Marmorportale aus dem 12. Jahrhundert, bevölkert von Fabelwesen und biblischen Szenen. Im Tympanon der Kapelle wird Christus vom Kreuz genommen, anderswo schiesst ein Kentaur seinen Pfeil ab, und Daniel steht den Löwen gegenüber. Diese Steine haben die Geburt Tirols miterlebt.

Zweites Siegel des Grafen Albert von Tirol, um 1211–1217 in Gebrauch: Schon hier erscheint der Adler mit ausgebreiteten Schwingen.

Die Grafen von Tirol und das „Land im Gebirge“

Geduldig sammeln die Grafen von Tirol einen Flickenteppich alpiner Herrschaften. Um 1170 erwerben sie die Hälfte der Grafschaft um Bozen. Schon ihre Siegel zeigen einen Adler: Jenes von Graf Albert, in den Jahren 1211 bis 1217 in Gebrauch, trägt den Vogel mit ausgebreiteten Schwingen, der zum Wahrzeichen eines ganzen Landes werden sollte.

Dieser Albert, meist als der Dritte seines Namens gezählt, ist die grosse Gestalt dieser frühen Zeit. Um 1180 geboren und treuer Gefolgsmann Kaiser Friedrichs II., setzt er laut Neuer Deutscher Biographie die Politik seiner Väter fort: die Vereinigung der Grafschaften in der „montana“, dem Land im Gebirge. 1241 erhält er gemeinsam mit Herzog Otto von Meranien die Lehen des Hochstifts Brixen, und 1248 tritt er nach dem Aussterben der Andechser deren Erbe an.

Sein Ende ist weniger glanzvoll. 1252 nimmt ihn der Erzbischof von Salzburg gefangen; frei kommt er erst gegen hohes Lösegeld und die Abtretung von Burgen. Am 22. Juli 1253 stirbt Albert als Letzter seines Hauses, ohne Sohn. Sein Werk aber überdauert ihn: Schon 1254 wird sein Herrschaftsgebiet als „dominium“ oder „comecia Tyrolis“ bezeichnet, als Herrschaft oder Grafschaft Tirol. Aus dem Namen einer Burg ist der Name eines Landes geworden. Offen bleibt, wer es erbt: seine beiden Töchter, Adelheid, die Gattin des Grafen Meinhard von Görz, und Elisabeth.

Seite aus dem Urbar Meinhards II. von 1288, dem Verzeichnis der landesfürstlichen Güter und Einkünfte (Österreichische Nationalbibliothek, Wien).

Meinhard II., der Schöpfer des Landes

Über Adelheid geht das Erbe an das Haus der Grafen von Görz. Ihr Sohn Meinhard, um 1238 geboren, beginnt sein Leben als Geisel: Mit seinem Bruder Albert wird er dem Erzbischof von Salzburg übergeben und verbringt laut Neuer Deutscher Biographie die Jahre 1252 bis 1258 auf der Festung Hohenwerfen. 1259 heiratet er Elisabeth von Bayern, die Witwe König Konrads IV. und Mutter des jungen Konradin, des letzten Staufers.

Am 4. März 1271 teilen die beiden Brüder ihren Besitz. Die Grenze bildet die Mühlbacher Klause am Eingang des Pustertals: Albert erhält Görz und die östlichen Gebiete, Meinhard behält Tirol. Es beginnt eine Herrschaft, die aus einem Geflecht von Lehen ein echtes Territorium macht. Meinhard bricht die Macht der Bischöfe von Trient und Brixen, deren Hochstifte faktisch zu Teilen des Landes werden. Um 1280 lässt er ein Landrecht aufzeichnen, das die Verwaltung vereinfacht, und seine erhaltenen Rechnungsbücher zeugen von einem hochentwickelten Kanzleiwesen. Die Saline von Hall im Inntal liefert einen grossen Teil seiner Einnahmen.

Ein Heiliger ist dieser tatkräftige Fürst nicht: Mehrmals gebannt, stirbt er, ohne vom Bann von 1291 gelöst worden zu sein. Und doch gründet er 1273 mit seiner Gemahlin das Stift Stams im Inntal, die Grablege der Tiroler Landesfürsten. Als Verbündeter Rudolfs von Habsburg gegen König Ottokar von Böhmen wird er am 1. Februar 1286 mit dem Herzogtum Kärnten belehnt. Er stirbt am 1. November 1295 in Greifenburg in Kärnten und ruht in Stams. Die Tiroler Bauern, so die Neue Deutsche Biographie, sahen in ihm den Begründer ihrer besonderen Freiheiten.

Silbermünze im Namen Meinhards II.: auf der einen Seite Doppelkreuz und MEINARDVS, auf der anderen der Tiroler Adler und COMES TIROL.

Kreuz und Adler: das Meraner Geld

Ein Land erkennt man auch an seiner Münze. Schon zwischen 1259 und 1274 lässt Meinhard mit seinem Bruder Adlergroschen prägen, die laut Neuer Deutscher Biographie als erste Mehrpfennigmünze im deutschen Sprachraum vielfach nachgeahmt wurden. Mitte der 1270er-Jahre erscheint in Meran die Münze, die Geschichte schreiben wird: der „Zwainziger“, so genannt, weil er zwanzig Berner Pfennige wert war. Später nennt man ihn nach dem Doppelkreuz auf einer seiner Seiten „Kreuzer“.

Die Stücke im Münzkabinett der Staatlichen Museen zu Berlin zeigen eine Silbermünze von rund anderthalb Gramm: auf der einen Seite das Doppelkreuz mit dem Namen Meinhards (MEINARDVS), auf der anderen ein Adler mit ausgebreiteten Schwingen und die Umschrift COMES TIROL, „Graf von Tirol“. Der Typ wird bis in die 1360er-Jahre geprägt. Der Adler der Grafen begnügt sich nicht mehr mit den Siegeln: Er geht nun von Hand zu Hand. Meran bleibt das Herz der Grafschaft, bis im 15. Jahrhundert der Regierungssitz nach Innsbruck verlegt wird.

Posthumes Bildnis der Margarethe von Tirol aus dem 16. Jahrhundert (Ambraser Sammlung), mit den Wappen von Tirol, Bayern und Kärnten.

Margarethe, die Erbin, die alle heiraten wollten

Meinhard II. hinterlässt vier Söhne. Der Letzte, der regiert, Heinrich, Graf von Tirol und Herzog von Kärnten, führt nach einem kurzen Abenteuer auf dem Prager Thron zeitlebens den Titel eines Königs von Böhmen. Drei Ehen bringen ihm keinen überlebenden Sohn. Seine 1318 geborene Tochter Margarethe wird deshalb früh zum Spielball der grossen Dynastien des Reiches, Luxemburger, Wittelsbacher und Habsburger, die nach Tirol und Kärnten greifen. Am 19. September 1330 wird die Elfjährige in Innsbruck mit dem siebenjährigen Johann Heinrich von Luxemburg verheiratet, einem Sohn König Johanns von Böhmen.

Nach Heinrichs Tod am 2. April 1335 nehmen die Habsburger Kärnten ein, doch Margarethe und ihr junger Gatte behaupten Tirol, gestützt auf Adel und Bevölkerung und auf Markgraf Karl von Mähren, den späteren Kaiser Karl IV. Zu Allerseelen 1341 bleibt das Tor von Schloss Tirol für Johann Heinrich verschlossen: Margarethe verstösst ihren Gatten. Am 10. Februar 1342 heiratet sie auf der Burg selbst Ludwig von Brandenburg, den Sohn Kaiser Ludwigs des Bayern, ohne dass die erste Ehe annulliert worden wäre. Bann für das Paar, Interdikt für das Land: Erst 1359 hebt die Kirche ihre Strafen auf. Zuvor, 1347, verteidigt Margarethe Schloss Tirol erfolgreich gegen die Truppen Karls.

Auf diesem Boden wächst die schwarze Legende. Der Beiname „Maultasch“, der ihr bis heute anhaftet, ist erst nach ihrem Tod schriftlich belegt; laut Neuer Deutscher Biographie war er ein derbes Schimpfwort, etwa im Sinn von „Hure“. Spätere Erklärungen, ein missgestalteter Mund oder die gleichnamige Burg bei Terlan, halten nicht stand. Ein authentisches Bildnis von ihr ist nicht erhalten. Zeitgenossen beschreiben sie mal als überaus schön, mal als einfältig; eine Karikatur einer hässlichen Frau, die auf Leonardo da Vinci zurückgeführt wird, gilt spätestens um 1780 als ihr Porträt. 1923 macht Lion Feuchtwangers Roman „Die häßliche Herzogin“ sie wieder berühmt.

Bildnis Herzog Rudolfs IV. von Österreich, zu Lebzeiten um 1360–1365 entstanden (Dom Museum Wien).

Januar 1363: eine Urkunde, zwölf Siegel und die Habsburger

Meinhard III., der Sohn Margarethes und Ludwigs, hatte 1358 Margarethe von Österreich geheiratet, die Schwester Herzog Rudolfs IV. von Habsburg. Ludwig stirbt im Herbst 1361, und am 13. Januar 1363 stirbt auch Meinhard III. in Meran, noch nicht einmal zwanzig Jahre alt. Er war Margarethes einziges überlebendes Kind: Mit ihm erlischt die Linie.

Rudolf IV. erfährt am 16. Januar in Lienz davon und eilt an die Etsch. Der Chronist Thomas Ebendorfer wird später eine lebensgefährliche Überquerung der tief verschneiten Tauern schildern; die Geschichtswissenschaft hat sie längst widerlegt. Die Wirklichkeit ist politischer. Die Stände hatten Margarethe als Regentin anerkannt, aber unter Aufsicht: Ohne ihre Zustimmung durfte sie nichts verfügen. Binnen weniger Tage bringt Rudolf sie dazu, die Grafschaft den Habsburgern zu übertragen und selbst lebenslang Regentin zu bleiben. Um den Adel zu gewinnen, legt er zwei Urkunden von 1359 vor, mit denen Margarethe und Ludwig das Land den Herzögen von Österreich vermacht haben sollen; laut Tiroler Landesarchiv spricht vieles dafür, dass es Fälschungen sind.

Am 26. Januar 1363 wird in Bozen die Urkunde ausgefertigt. Auf dem grossen Pergament von 49 mal 71 Zentimetern verweist Margarethe darauf, dass Gott ihr leibliche Erben genommen habe, und erkennt in den Herzögen Rudolf, Albrecht und Leopold ihre „nächsten und rechtisten erben“, wie es im Original heisst. Zwölf von einst vierzehn Siegeln Tiroler Adeliger hängen bis heute daran; eine der drei Ausfertigungen liegt im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck.

Danach geht alles schnell. Im September 1363 verzichtet Margarethe auch auf die Regentschaft; ein bayerischer Einfall wird zurückgeschlagen; 1364 belehnt Kaiser Karl IV. die Habsburger, und 1369 beendet der Friede von Schärding die Ansprüche der Wittelsbacher. Margarethe lässt sich in Wien nieder, wo sie am 3. Oktober 1369 stirbt. Rudolf IV. hat von seinem Erwerb wenig: Er stirbt am 27. Juli 1365 in Mailand, mit 25 Jahren, im selben Jahr, in dem er die Universität Wien gründet. Der „Stifter“ hatte auch den gotischen Ausbau von St. Stephan begonnen und eine berühmte Fälschung anfertigen lassen, das Privilegium maius.

Flügel des gotischen Altars, den die Habsburger Schloss Tirol stifteten: Unter dem Tiroler Adler knien Herzog Albrecht III. von Österreich und seine Gemahlin.

Was bleibt: ein roter Adler und ein Land

Für die Habsburger ist der Erwerb von grösster Bedeutung: Tirol, so das Tiroler Landesarchiv, schloss die Lücke zwischen ihren alten Stammlanden in der Schweiz und den Herzogtümern im Osten. Schweizer Leserinnen und Leser kennen übrigens ein Glied dieser Geschichte. Elisabeth, eine Tochter Meinhards II., hatte 1274 Albrecht von Habsburg geheiratet, den späteren römisch-deutschen König. Nach der Ermordung ihres Gatten 1308 bei Windisch im Aargau liess sie am Ort der Tat das Kloster Königsfelden errichten, wo sie auch bestattet wurde. Ihr Sohn Albrecht II. war der Vater Rudolfs IV.: Albrecht II. und Margarethe waren also Cousin und Cousine ersten Grades, beide Enkel Meinhards II. Die „nächsten Erben“ der Urkunde von 1363 waren keine leere Formel.

Die Habsburger behalten Tirol bis 1918 und regieren es als Grafen von Tirol. 1919 teilt der Vertrag von Saint-Germain das Land: Der Norden bleibt bei Österreich, der Süden fällt an Italien. Die Burg, die dem Land den Namen gab, liegt seither in Italien; die Autonome Provinz Bozen–Südtirol eröffnete hier 2003 ihr Landesmuseum für Kultur- und Landesgeschichte.

Und der Adler? Er hat die Bühne nie verlassen. Im silbernen Schild ein roter Adler, golden gekrönt, mit goldenen Flügelspangen mit Kleeblattenden und einem grünen Kranz hinter dem Kopf: So beschreibt das Tiroler Landeswappengesetz bis heute das Wappen des Landes. Auch Südtirol führt einen roten Adler. Auf dem gotischen Flügelaltar, den die Habsburger Schloss Tirol stifteten, knien ein Herzog von Österreich und seine Gemahlin unter dem Tiroler Adler: Auch die neuen Herren stellten sich unter die Farben des Landes.

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Bildnachweis

  • Titelbild: Heigeheige, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 1 (Eine Burg, die einem Land den Namen gab): Marie-Lan Taÿ Pamart, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 2 (Die Grafen von Tirol und das „Land im Gebirge“): Bartleby08, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 3 (Meinhard II., der Schöpfer des Landes): Anonyme (XIIIe siècle), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 4 (Kreuz und Adler: das Meraner Geld): Wmeinhart, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 5 (Margarethe, die Erbin, die alle heiraten wollten): Anonyme (1re moitié du XVIe siècle), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 6 (Januar 1363: eine Urkunde, zwölf Siegel und die Habsburger): Anonyme, maître pragois ou viennois (vers 1360-1365), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 7 (Was bleibt: ein roter Adler und ein Land): Pakeha, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

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