Ein Pass, zwei Staaten, drei Sprachen
Auf der Autobahn oder im Zug zwischen Innsbruck und Bozen erinnert kaum etwas daran, dass man den Brenner überquert, 1'370 Meter über dem Meer. Kein Schlagbaum, kein Zöllner. Und doch trennt diese unscheinbare Linie seit über hundert Jahren Österreich von Italien, und sie hat ein Land zerschnitten, das jahrhundertelang eine Einheit war. In unserem ersten Beitrag haben wir erzählt, wie Tirol entstand und 1363 an die Habsburger kam. Hier folgt die Fortsetzung, jünger und schmerzhafter: Warum spricht man heute von Nordtirol, von Südtirol und sogar von Osttirol?

Ein Land von Kufstein bis zum Gardasee
Bis zum Ersten Weltkrieg reicht die gefürstete Grafschaft Tirol zusammenhängend von Kufstein an der bayerischen Grenze bis nach Riva am Nordufer des Gardasees. 1803 hatte Österreich die ehemaligen Hochstifte Trient und Brixen mit Tirol vereinigt, Landeshauptstadt ist Innsbruck. In diesem großen Gebirgsland spricht man im Norden und in der Mitte Deutsch, im Süden Italienisch - im Trentino, das die Deutschsprachigen damals „Welschtirol“ nannten - und in mehreren Dolomitentälern Ladinisch.
Heute verteilt sich dasselbe Gebiet auf zwei Staaten. Auf österreichischer Seite bilden Nordtirol rund um Innsbruck und Osttirol rund um Lienz gemeinsam das Bundesland Tirol. Auf italienischer Seite bilden die Autonome Provinz Bozen - Südtirol, italienisch Alto Adige - und die Autonome Provinz Trient zusammen die Region Trentino-Südtirol. Wie kam es dazu? Alles beginnt auf den Gipfeln, im Jahr 1915.

1915-1918: Der Krieg steigt auf die Gipfel
Als 1914 der Krieg ausbricht, bleibt Italien, obwohl im Dreibund mit Österreich-Ungarn verbunden, zunächst neutral. Am 26. April 1915 sichert die Entente Italien im Londoner Geheimvertrag das Trentino, Tirol bis zur Brennergrenze, Triest und Teile Dalmatiens zu; im Gegenzug verpflichtet sich Rom, binnen eines Monats in den Krieg einzutreten. Am 23. Mai 1915 erklärt Italien Österreich-Ungarn den Krieg.
Über Nacht wird die Südgrenze Tirols zur Front. Um sie zu halten, werden im Mai 1915 die Standschützen mobilisiert, die eingeschriebenen Mitglieder der Tiroler Schießstände, die das Gesetz im Kriegsfall zum Dienst verpflichtete. Das Tiroler Landesarchiv hält fest, dass damals auch alte Männer, oft ohne militärische Ausbildung, und Kinder ins Feld zogen. Ein Schicksal steht für diese Zeit: Josef Egger, geboren am 31. Dezember 1900 in Kartitsch im heutigen Osttirol, fällt am 9. Juli 1915 auf den Karnischen Höhen. Er war 14 Jahre alt.
Es beginnt ein Stellungskrieg im Hochgebirge, oft über 2'000 Metern: am Col di Lana, an der Marmolata, am Lagazuoi, in den Tofanen. Beide Armeen treiben Stollen in den Fels, und die Soldaten harren im Winter oft wochenlang ohne Nachschub in ihren verschneiten Gräben aus. An dieser Front starben mehr Männer an Hunger, Kälte, Lawinen und Steinschlag als im Kampf.
Im Herbst 1918 bricht Österreich-Ungarn zusammen. Nach dem Waffenstillstand von Villa Giusti schweigen die Waffen am 4. November 1918 um 15 Uhr. Eine Woche später, am 11. November, erreichen italienische Truppen den Brenner.

1919: Eine Grenze, die das Wasser zieht
Über Tirols Schicksal wird bei der Friedenskonferenz entschieden. Der am 10. September 1919 in Saint-Germain-en-Laye unterzeichnete Staatsvertrag zwischen den Alliierten und der jungen Republik Österreich legt die Grenzen des Landes fest. Für Tirol ist das Ergebnis hart: Südtirol und das Trentino werden italienisch, das Land wird geteilt. Der Vertrag tritt am 16. Juli 1920 in Kraft.
Im Gelände folgt die neue Grenze im Wesentlichen der Wasserscheide. Über einen langen Abschnitt beschreibt sie der Vertragstext als die Linie zwischen dem Becken des Inn im Norden und dem der Etsch im Süden. Der Brenner, einer der niedrigsten Übergänge über den Alpenhauptkamm, wird so zum Grenzposten, und Grenzsteine markieren den neuen Verlauf bis hinauf auf die Gipfel.
Für die Menschen verändert dieser Strich auf der Landkarte alles. Die deutschsprachigen und ladinischen Südtiroler werden Bürger des Königreichs Italien. Diesseits und jenseits des Passes wird die Trennung als Zerreißung erlebt: Noch hundert Jahre später, am 10. September 2019, widmete der Tiroler Landtag dem Jahrestag eine Gedenksitzung unter dem Titel „Zwischen Zerreißung und Hoffnung“.

Osttirol, eine österreichische Insel
Die neue Grenze schafft auch eine geografische Kuriosität. Im Osten bleibt der Bezirk Lienz bei Österreich. Doch das Pustertal, das ihn auf natürlichem Weg mit dem übrigen Land verband, kommt großteils zu Italien, mit Gemeinden wie Innichen und Sexten. Dieses vom Rest abgeschnittene Stück Tirol nennt man Osttirol.
Jahrzehntelang müssen die Lienzer, die in ihre Landeshauptstadt Innsbruck wollen, entweder durch Südtirol, also durch Italien, fahren oder einen weiten Umweg durch andere österreichische Bundesländer nehmen. Erst am 24. Juni 1967 öffnet die Felbertauernstraße mit ihrem Tunnel zwischen Matrei in Osttirol und Mittersill eine Straßenverbindung in den Salzburger Pinzgau und von dort nach Nordtirol, ohne Österreich zu verlassen.
Heute bilden Osttirol und Nordtirol gemeinsam das Bundesland Tirol, mit Innsbruck als Landeshauptstadt und Lienz als Bezirkshauptort. Die Geografie hat sich nicht verändert: Von Lienz nach Innsbruck führt der Weg entweder durch das Land Salzburg oder durch Südtirol. Die Grenze im Pustertal bemerkt man heute allerdings kaum noch.

1922-1945: Italianisierung und Option
1922 kommt in Rom der Faschismus an die Macht, und die Politik gegenüber den neuen Provinzen wird härter. Ein Verzeichnis italianisierter Ortsnamen, das der Nationalist Ettore Tolomei erarbeitet und bereits 1916 veröffentlicht hatte, wird 1923 amtlich: Dörfer, Gewässer und Berge erhalten italienische Namen. Verwaltung, Sprache, Ortsnamen: Alles soll italienisch werden. In Bozen wird der Waltherplatz, benannt nach dem mittelalterlichen Dichter Walther von der Vogelweide, zur Piazza Vittorio Emanuele.
Die Schule wird zum zweiten Schauplatz. Die Lex Corbino von 1921 und die Schulreform Gentile von 1923 setzen das Italienische im Unterricht durch. Damit ihre Kinder trotzdem in ihrer Muttersprache lesen und schreiben lernen, organisieren Familien heimlichen Unterricht, oft in Privathäusern: die Katakombenschulen. Wer dort unterrichtet, riskiert Verfolgung.
Mitte der 1930er-Jahre lässt das Regime in Bozen eine große Industriezone errichten, die Arbeiter aus anderen Regionen Italiens anzieht. Wie die Dokumentationsausstellung im Bozner Siegesdenkmal heute erläutert, veränderte dieser Zuzug das zahlenmäßige Verhältnis zwischen Italienisch- und Deutschsprachigen in der Stadt grundlegend.
Dann kommt das Jahr 1939. Hitler und Mussolini vereinbaren eine Umsiedlung: Die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler müssen „optieren“. Entweder sie nehmen die deutsche Staatsbürgerschaft an und wandern ins Deutsche Reich aus, oder sie bleiben italienische Staatsbürger. Nach den Schätzungen der Historiker entscheiden sich rund 86 Prozent für die Auswanderung. Dörfer und Familien spalten sich in „Optanten“ und „Dableiber“.
Nicht alle gehen tatsächlich. Nach Forschungen der Universität Innsbruck verlassen rund 75'000 Menschen das Land, viele zunächst über Innsbruck; nach dem Krieg kehrt vermutlich rund ein Drittel von ihnen zurück. Ein Dekret vom Februar 1948 ermöglicht den Optanten schließlich, die italienische Staatsbürgerschaft wiederzuerlangen.

Von Paris bis Wien: ein halbes Jahrhundert für die Autonomie
1945 hoffen viele Südtiroler auf eine Rückkehr zu Österreich. Die Siegermächte entscheiden anders: Die Brennergrenze bleibt, der Schutz der Minderheit soll über eine Autonomie gesichert werden. Am 5. September 1946 unterzeichnen in Paris die Außenminister Karl Gruber für Österreich und Alcide De Gasperi für Italien ein in englischer Sprache abgefasstes Abkommen. Italien verpflichtet sich darin, die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Deutschsprachigen in der Provinz Bozen zu sichern, ihnen autonome Gesetzgebungs- und Verwaltungsbefugnisse zuzuerkennen und die Option von 1939 zu revidieren.
Das erste Autonomiestatut, erlassen mit dem Verfassungsgesetz vom 26. Februar 1948, enttäuscht die Südtiroler jedoch: Die Autonomie liegt im Wesentlichen bei der Region Trentino-Südtirol, in der die Italienischsprachigen die Mehrheit stellen. Am 17. November 1957 versammeln sich rund 35'000 Menschen auf Schloss Sigmundskron bei Bozen um Silvius Magnago, den Obmann der Südtiroler Volkspartei (SVP). Ihre Losung: „Los von Trient“.
Österreich bringt die Frage daraufhin vor die UNO. Auf Betreiben von Außenminister Bruno Kreisky verabschiedet die Generalversammlung am 31. Oktober 1960 die Resolution 1497 (XV), die Wien und Rom auffordert, ihren Streit auf der Grundlage des Abkommens von 1946 beizulegen. Die 1960er-Jahre sind auch Jahre der Gewalt: In der „Feuernacht“ vom 11. auf den 12. Juni 1961 werden in Südtirol 37 Strommasten gesprengt. Die Anschläge jener Jahre fordern Opfer, der italienische Staat verstärkt seine Polizei- und Militärpräsenz massiv, und Historiker sind bis heute uneins über ihre Wirkung auf die Verhandlungen.
Eine von der italienischen Regierung eingesetzte „Neunzehnerkommission“ bereitet den Boden; 1966 legt Rom ein Maßnahmenbündel vor, das „Paket“, mit 137 Maßnahmen. Im November 1969 stimmen die Delegierten der SVP-Landesversammlung mit knapper Mehrheit zu. Am 20. Jänner 1972 tritt das Zweite Autonomiestatut in Kraft: Zahlreiche Zuständigkeiten gehen von der Region auf die beiden Provinzen Bozen und Trient über.
Bis alle Maßnahmen umgesetzt sind, vergehen noch rund zwanzig Jahre. Am 11. Juni 1992 übergibt der österreichische Außenminister Alois Mock dem italienischen Botschafter in Wien die Streitbeendigungserklärung. Damit ist die Südtirolfrage vor den Vereinten Nationen formell abgeschlossen.

Heute: offene Grenze, drei Sprachen
Mit dem EU-Beitritt Österreichs 1995 veränderte die Grenze ihren Charakter, 1998 verschwand der Schlagbaum am Brenner. Tirol, Südtirol und das Trentino arbeiten über die Grenze hinweg zusammen: 2011 gründeten sie einen Europäischen Verbund für territoriale Zusammenarbeit (EVTZ), die Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino mit Sitz in Bozen. Mobilität, Bildung, Klima, Jugend: In der Euregio führen die drei Länder gemeinsame Projekte durch.
In Südtirol liest man die Geschichte an den Schildern ab, die auf Deutsch und Italienisch beschriftet sind. Bei der jüngsten Sprachgruppenzählung, deren Ergebnisse im Dezember 2024 veröffentlicht wurden, entfielen 68,61 Prozent der Erklärungen auf die deutsche, 26,98 Prozent auf die italienische und 4,41 Prozent auf die ladinische Sprachgruppe. Diese Zahlen sind mehr als Statistik: Sie dienen unter anderem dazu, die Stellen im öffentlichen Dienst nach dem im Autonomiestatut vorgesehenen Proporz auf die Sprachgruppen aufzuteilen.
In den ladinischen Dolomitentälern wie Gröden und Gadertal sind es sogar drei Sprachen. Das Ladinische, eine romanische Sprache, die aus dem einst in den Alpen gesprochenen Vulgärlatein hervorging, ist seit 1989 dritte Amtssprache in Südtirol. In den Schulen dieser Täler wird zu gleichen Teilen auf Deutsch und Italienisch unterrichtet, Ladinisch ist Unterrichtsfach und Hilfssprache. Am Ortseingang von Corvara zeigt ein einziges Schild deshalb „Ciaulunch“, „Campolongopass“ und „passo Campolongo“.
Hundert Jahre nach Saint-Germain ist Tirol zwar auf zwei Staaten aufgeteilt, doch seine Menschen reisen, arbeiten und kooperieren über den Brenner hinweg. Bun di, Grüß Gott, buongiorno: In Südtirol hört man nicht selten alle drei am selben Tag. Vielleicht ist das die schönste Antwort auf die Ausgangsfrage.
Bildnachweis
- Titelbild: Haneburger, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
- Kapitel 1 (Ein Land von Kufstein bis zum Gardasee): PSIplus (carte originale), Alphathon (version dérivée), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
- Kapitel 2 (1915-1918: Der Krieg steigt auf die Gipfel): K.u.k. Kriegspressequartier, Lichtbildstelle - Wien, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
- Kapitel 3 (1919: Eine Grenze, die das Wasser zieht): Hermann Hammer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 4 (Osttirol, eine österreichische Insel): Helmlechner, CC0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 5 (1922-1945: Italianisierung und Option): alte Ansichtskarte, Urheber unbekannt (Datei von Zintosch7 unter CC BY-SA 4.0), via Wikimedia Commons
- Kapitel 6 (Von Paris bis Wien: ein halbes Jahrhundert für die Autonomie): Falk2, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons
- Kapitel 7 (Heute: offene Grenze, drei Sprachen): Sönke Kraft aka Arnulf zu Linden, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
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