Rattenberg, die kleinste Stadt Österreichs: elf Hektar Geschichte am Inn
Das Alpen-Journal Tiroler Geschichte

Rattenberg, die kleinste Stadt Österreichs
Elf Hektar Geschichte am Inn

Eingezwängt zwischen Fels und Inn, liegt Rattenberg auf kaum mehr als elf Hektar und zählt weniger als 500 Einwohner: Keine Stadt Österreichs ist kleiner. Und doch war die einstige bayerische Grenzfestung Hafen, Zollstation und eine durch Silber und Kupfer reich gewordene Stadt, bevor sie zur „Glasstadt“ wurde.

H Herbert – MyAlpine.Shop18.10.2026

Elf Hektar am Ufer des Inn

Wenige Minuten genügen, um Rattenberg zu Fuss zu durchqueren. Zwischen dem Schlossberg, einem von Ruinen gekrönten Felsrücken, und dem grünen Wasser des Inn zieht sich die Stadt über einen schmalen Streifen Land, mit bunten Fassaden, schmiedeeisernen Schildern und gepflasterten Gassen. Keine Vororte, kein Gewerbegebiet: Die mittelalterliche Stadt füllt fast den ganzen verfügbaren Raum aus – genau das macht sie in Österreich einzigartig.

Rattenberg heute: die Stadt zwischen Inn und Schlossberg mit der Burgruine.

Elf Hektar – und doch eine Stadt

Die amtlichen Zahlen sind eindeutig. Laut Statistik Austria umfasst die Gemeinde 11,2 Hektar Katasterfläche, also 0,11 km²: Sie ist damit die flächenmässig kleinste Gemeinde Österreichs. Am 1. Januar 2026 zählte sie 446 Einwohner, keine andere österreichische Stadtgemeinde hat weniger. Zum Vergleich: Rattenberg ist ungefähr ein Viertel so gross wie die Vatikanstadt.

Ganz so ruhig war es nicht immer. Die Volkszählungen weisen für 1869 679 Einwohner aus und für 1951 einen Höchststand von 879, danach ging die Zahl langsam zurück. Doch klein hiess nie unbedeutend: Über Jahrhunderte kontrollierte die winzige Stadt einen der strategisch wichtigsten Durchgänge zwischen Bayern und Tirol.

„Blick auf Rattenberg von der Veste aus“: Stadt und Inntal vom Turm der Burgruine aus gesehen, Holzstich von 1874.

Eine bayerische Festung vor den Toren Tirols

Urkundlich erscheint Rattenberg 1254 als „Ratinberch“. Die Burg, deren Anfänge der Überlieferung nach ins 10. Jahrhundert zurückreichen, sperrte die Engstelle zwischen Fels und Fluss. Im Mittelalter gehörte Rattenberg – wie Kufstein und Kitzbühel – nicht zu Tirol, sondern zu Bayern: eine Grenzfestung mit Blick auf die benachbarte Grafschaft.

Nach der von der Stadt veröffentlichten Geschichte verlieh Herzog Stephan III. von Bayern Rattenberg am 7. Januar 1393 das Stadtrecht. Damit verbunden war das Recht, Steuern und Zölle zu Land und zu Wasser einzuheben. Für die bayerischen Herzöge ging es um viel: Wie das Tiroler Landesarchiv festhält, brachten die Rattenberger Silber- und Kupfergruben und vor allem die Innzölle dem herzoglichen Fiskus willkommene Einnahmen.

Die Wende brachte der Landshuter Erbfolgekrieg. Ende Juni 1504 besetzte König Maximilian I. ohne grösseren Widerstand die drei Gerichte Kitzbühel, Kufstein und Rattenberg. Als im August pfälzische Truppen anrückten, wurde Kufstein ihnen kampflos übergeben, während Rattenberg Widerstand leistete und nicht eingenommen werden konnte. Der Kölner Schiedsspruch vom 30. Juli 1505 beendete den Konflikt und sprach die drei Gerichte Maximilian zu: Rattenberg wurde endgültig tirolisch. Das bayerische Gewohnheitsrecht blieb dennoch lange über 1504 hinaus in Gebrauch – eine Grenze verschwindet eben nicht mit einem Federstrich.

„Rattenberg am Inn“: Boote am Innufer gegenüber der Stadt und der Burg, Holzstich von 1874.

Der Hafen am Inn: Plätten, Treidelpferde und Zöllner

Heute fliesst der Inn ruhig an den Häusern vorbei. Jahrhundertelang war er eine regelrechte Wasserautobahn. Flussabwärts fuhren die Waren auf Plätten, grossen, flachen Schiffen ohne Kiel, 25 bis 30 Meter lang und 6 bis 8 Meter breit, die 150 bis 200 Tonnen Südtiroler Wein, Kupfer oder Zement tragen konnten. 1497 wurden sogar rund 11'000 Soldaten und 900 Pferde auf dem Fluss nach Osten gebracht. Von Hall nach Kufstein brauchte man 5 Stunden, bis Wien mindestens 6 Tage.

Gebaut wurden die Schiffe von den Schoppern, den Schiffbauern, deren Betriebe in Tirol vor allem am Inn zwischen Rattenberg und Kufstein lagen. Mit ihrem Holzverbrauch standen sie in Konkurrenz zu den Bergwerken, denn die meisten Plätten machten nur eine einzige Fahrt flussabwärts und wurden am Ziel als Brennholz verkauft.

Flussaufwärts war es eine andere Sache. Gegen die starke Strömung des Inn konnte man weder rudern noch segeln oder staken: Man spannte Pferde am Ufer vor. Ein Schiffszug bestand aus zwei bis vier grossen Frachtschiffen, den Zillen, und einigen kleineren Booten, alle mit Seilen verbunden. Bis zu 50 Pferde zogen den Zug, die Besatzung zählte bis zu 60 Personen. Man kam sechs Stunden am Tag voran, von Kufstein bis Hall dauerte es fünf Tage, und der Schiffsmeister verlangte das 20- bis 25-Fache einer Talfahrt.

Rattenberg lebte von diesem Verkehr. Seit 1453 besass die Stadt das Niederlagsrecht: Jedes flussaufwärts fahrende Getreideschiff musste einen Tag an der Rattenberger Lände anlegen und seine Ware zum Verkauf anbieten. Schiffszüge mit 50 bis 60 Leuten und fast ebenso vielen Pferden übernachteten hier, und die kleine Stadt ernährte 12 Wirtshäuser, 7 Bäcker und 5 Brauereien. 1766 wurde die Zollstätte aufgelassen, und mit dem Bergbau ging auch die Schifffahrt zurück. Das Ende brachte die Eisenbahn: 1858 dampfte die erste Lokomotive durch den Rattenberger Tunnel.

Ein Schmelzwerk, Illustration aus dem Schwazer Bergbuch von 1556.

Silber und Kupfer: ein goldenes Zeitalter

Im 15. Jahrhundert erlebte Rattenberg durch den Abbau von Silber und Kupfer am nahen Silberberg einen neuen Aufschwung. Die Stadt wurde zum Bergbauzentrum, während flussaufwärts Schwaz rasant wuchs: Um 1427 zählte man dort 51 Haushalte, bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts soll der Ort auf 20'000 Einwohner angewachsen sein.

Der Zuzug der Knappen verlangte gewaltige Mengen an Getreide, an Unschlitt für die Beleuchtung im Berg, an Schlachtvieh und Leder, die über den Inn aus dem Osten kamen. Als Hafen, Zollstation und Bergbaustadt zugleich stand Rattenberg mitten in diesem Handel.

Der Wohlstand ist bis heute in Stein ablesbar. Die Pfarrkirche St. Virgil, ab 1473 von den Baumeistern Christian Nickinger und Jörg Steyrer neu errichtet, hat eine seltene Besonderheit: zwei vollwertige Schiffe, das Bürgerschiff im Norden und das Knappenschiff im Süden. Im 18. Jahrhundert wurde das Innere vollständig barockisiert, die Deckenbilder schufen Simon Benedikt Faistenberger und Matthäus Günther.

Das goldene Zeitalter währte nicht lange. Mitte des 16. Jahrhunderts ging der Bergbau zurück, und die Stadt geriet in eine lange Krise. Mit den Bergwerken verlor auch die Innschifffahrt ihre besten Kunden.

Eine Strasse in Rattenberg mit dem Kundler Tor, Öl auf Holz, 1919.

Von Nägeln zu Kristall: eine Stadt der Handwerker

Am westlichen Stadtrand scheinen zwei Häuser direkt aus dem Fels zu wachsen: die Nagelschmiedhäuser. Laut dem Beitrag des Landes Tirol höhlten Knappen schon im 12. Jahrhundert Nischen in den Schlossbergfelsen, um darin zwei Häuser zu bauen, die später mit einem hölzernen Stockwerk aufgestockt wurden. In den Gerichtsakten um 1630 heissen sie wenig schmeichelhaft „schlecht und paufällige Behausung im Stain gelegen“.

Hier wurden Nägel von Hand geschmiedet: Schleusennägel, Schiffnägel, Nägel für das Schusterhandwerk. Eine Urkunde von 1738 nennt Joseph Hueber als ersten Rattenberger Nagelschmied; um 1811 entstanden hier bis zu 60'000 Nägel, und der letzte Nagelschmied, Anton Rafner, arbeitete bis 1912. Heute beherbergen die Häuser ein Handwerkskunstmuseum, in dem Modelle die Innschifffahrt erzählen: eine Plätte, ein Schopperbetrieb, ein von Pferden gezogener Schiffszug und die Prunkplätte des bayerischen Kurfürsten Max Emanuel.

Im 20. Jahrhundert brachte das Glas neues Leben in die Stadt. Die Tradition in der Gegend ist alt: Die Glashütte Kramsach, 2 Kilometer von Rattenberg entfernt am anderen Innufer, wurde 1626 gegründet und blieb über 300 Jahre in Betrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg gründeten die glasverarbeitenden Betriebe 1948 in Kramsach eine Schule, die heute als HTL Kramsach Glas und Chemie weiterbesteht.

1946 liess sich der Glasgraveur Ferdinand Kisslinger in Rattenberg nieder. Kisslinger Kristallglas ist heute der bekannteste Glashersteller und Veredler der Stadt, die sich selbst „Glasstadt“ nennt. Man kann den Glasbläsern bei der Arbeit zusehen und in einem Kurs sogar selbst eine Glaskugel blasen.

Das ehemalige Augustinerkloster am Inn, heute Sitz des Augustinermuseums.

Ein Kirchturm zum Besteigen und eine heilige Magd

Am Inn beherbergt das ehemalige Kloster der Augustiner-Eremiten das Augustinermuseum. Ende der 1970er Jahre waren Kloster, Pfarrkirche und Spitalskirche in sehr schlechtem Zustand; die Aktion „Rettet die Rattenberger Kirchen“ führte zu einer Gesamtrestaurierung von 1989 bis 1993. Am 1. Mai 1993 wurde das Museum eröffnet. Eine Sammlung gab es nicht – also suchte man auf den Dachböden von Kirchen und Widumen des Tiroler Unterlandes nach vergessenen Kunstwerken, die die Pfarren seither als Dauerleihgaben zur Verfügung stellen.

Zu sehen sind ein gotischer Kreuzgang, barocke Kunst und die Kuppel der Klosterkirche, der „Augustinerhimmel“, 1709 bis 1711 von Johann Josef Waldmann gemalt: das erste monumentale Kuppelfresko Tirols. Der Rundgang führt auch in den Fachwerkturm und den Dachstuhl, die seit 2010 zugänglich sind. Alpbachtal Tourismus bezeichnet ihn als den einzigen öffentlich zugänglichen Kirchturm in ganz Tirol; von der obersten Turmstube blickt man über die Dächer der mittelalterlichen Stadt.

Rattenberg gilt der Überlieferung nach auch als Geburtsort der heiligen Notburga, einer der beliebtesten Heiligen Tirols. Um 1265 geboren, der Legende nach Tochter eines Hutmachers, diente sie als Magd auf Schloss Rottenburg und später bei Bauern in Eben am Achensee. Die bekannteste Erzählung berichtet, sie habe, als man ihr den Feierabend verweigerte, ihre Sichel in die Luft geworfen, und diese sei an einem Sonnenstrahl hängen geblieben. Sie starb 1313 und ruht in Eben; Papst Pius IX. bestätigte 1862 ihre Verehrung. Die Patronin der Dienstmägde und der Landwirtschaft hat in der Pfarrkirche St. Virgil eine eigene Kapelle.

Rattenberg, Aquarell, 1886: Der Turm der Burgruine wacht über Stadt und Inntal.

Die Burg, der Kanzler und der Winter ohne Sonne

Von der Burg über der Stadt ist nur die Ruine geblieben. Mit ihr verbunden ist das dunkelste Kapitel der Stadtgeschichte: Am 17. Juli 1651 wurde Wilhelm Biener, einst Kanzler von Tirol im Dienst der Erzherzogin Claudia de' Medici, in Rattenberg enthauptet – verurteilt wegen Hochverrats und Veruntreuung, Vorwürfe, die er grossteils widerlegt hatte. Eine Gedenktafel am Schlossberg erinnert an ihn.

Drei Jahrhunderte später entstand aus diesem Drama eine Theatertradition. Im Herbst 1949 kam im Ausschuss des Rattenberger Verkehrsvereins die Idee auf, den 300. Todestag des Kanzlers zu begehen; im Juli 1951 wurde das Drama „Der Kanzler von Tirol“ des Tiroler Dichters Josef Wenter in einem Amphitheater am Schlossberg aufgeführt. So entstanden die Schlossbergspiele, die jeden Sommer die Freilichtbühne über den Dächern der Stadt beleben.

Der Schlossberg hat allerdings eine Kehrseite. Der Berg im Süden verdeckt die Wintersonne: Laut einer europäischen Mitteilung von 2005 bleibt Rattenberg etwa von November bis Mitte Februar ohne direktes Sonnenlicht. Im selben Jahr stellten das Bartenbach Lichtlabor und die Gemeinde ein Projekt mit Heliostaten vor – computergesteuerten Spiegeln, die das Licht auf Reflektoren am Schlossberg lenken sollten –, gefördert durch das europäische Programm EUREKA und mit rund 1,5 Millionen Euro veranschlagt. Umgesetzt wurde das Projekt nie.

In diesem gedämpften Licht entsteht übrigens, wenn Weihnachten naht, die ganz besondere Stimmung des Rattenberger Advents, dem wir einen eigenen Artikel widmen.

Bildnachweis

  • Titelbild: Leopold Munsch, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 1 (Elf Hektar – und doch eine Stadt): © Alpbachtal Tourismus | Johann Erhard
  • Kapitel 2 (Eine bayerische Festung vor den Toren Tirols): Richard Püttner (Holzstich nach R. Püttner, Die Gartenlaube, 1874), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 3 (Der Hafen am Inn: Plätten, Treidelpferde und Zöllner): Richard Püttner (Holzstich nach R. Püttner, Die Gartenlaube, 1874), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 4 (Silber und Kupfer: ein goldenes Zeitalter): Unbekannter Künstler (Schwazer Bergbuch, 1556), gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 5 (Von Nägeln zu Kristall: eine Stadt der Handwerker): Stefan Simony, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
  • Kapitel 6 (Ein Kirchturm zum Besteigen und eine heilige Magd): © Alpbachtal Tourismus
  • Kapitel 7 (Die Burg, der Kanzler und der Winter ohne Sonne): Hermann Stieffel, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Fotos © Alpbachtal Tourismus mit freundlicher Genehmigung des Tourismusverbands Alpbachtal; übrige Fotos unter freier Lizenz oder gemeinfrei.